Diese Mail sieht aus, als hätte jemand dein Buch gelesen
Der Rat, auf Rechtschreibfehler zu achten, ist tot. Der Rat, auf Individualität zu achten, ebenfalls. Die Mails, um die es hier geht, sind fehlerfrei, höflich, strukturiert und gehen scheinbar persönlich auf dein Buch ein. Sie loben deinen Schreibstil, nennen Vergleichsautoren und bieten Sichtbarkeit an.
Erkennen kannst du sie trotzdem, nur an einer anderen Stelle: an der Substanz. Und die ist leer.
Falls du hier aufhörst zu lesen, nimm diesen einen Satz mit: Verifiziere nie in der Mail, in der gefragt wird.
Warum es Massenware ist, obwohl es wie Handarbeit aussieht
In einer deutschsprachigen Autorencommunity stellten an einem einzigen Tag drei Schreibende unabhängig voneinander fest, dass sie dieselbe Ansprache bekommen hatten. Ein Liebesroman, ein Autorenprofil, ein Science-Fiction-Roman. Die Lobpassage war jedes Mal anders. Der Rest war identisch, bis in die Zwischenüberschriften.
Eine der drei Mails lobte gar kein Buch. Sie lobte eine Profilzeile aus dem Forum, in der sich die Empfängerin selbst beschrieben hatte, und leitete daraus literarisches Potenzial ab. In einer anderen war der Automat sichtbar gestolpert und hatte den englischen Titel erwischt.
Der Aufwand liegt nicht mehr im Text. Was früher zwanzig bis dreißig Minuten Handarbeit je Empfängerin gekostet hätte, kostet heute Bruchteile eines Cents. Deshalb ist die Menge das Geschäftsmodell.
Der Beweis steht meistens in der Mail selbst
In einer Mail, die ich vor mir hatte, stand die Handlung des Buches zweimal fast wortgleich. Einmal als Fließtext, einmal eingerückt als „Kern der Geschichte“. Kein Mensch wiederholt sich auf einer Seite so. Das ist eine Vorlage mit Platzhaltern, in die derselbe erzeugte Absatz an zwei Stellen eingesetzt wurde. Die Passage fand sich außerdem öffentlich auf einer Verkaufsseite. Die vermeintliche Recherche bestand aus Kopieren.
Zwei weitere Merkmale, die in allen passten, die ich gesehen habe:
- Alles, was in der Mail steht, steht auf deiner Verkaufsseite. Keine Szene, keine Figur über den Klappentext hinaus, kein Zitat, keine einzige kritische Bemerkung. Ein Automat braucht dafür nur Titel und Namen.
- Die genannten Kanäle sind Behauptungen ohne Namen. „Buchblogs, Podcasts und Buchhandlungen“, „relevante Gemeinschaften“. Wer in dieser Branche wirklich arbeitet, nennt konkrete Blogs und konkrete Formate.
Die überzeugendste Stelle ist die, an der nichts versprochen wird
In derselben Mail stand ein Absatz sinngemäß so: Ich würde Ihnen niemals versprechen, dass Marketing eine bestimmte Anzahl Verkäufe garantiert. Das liest sich wie Anstand und ist Teil der Konstruktion. Wer Garantien von sich aus ausschließt, wirkt seriös. Es trifft besonders die, die schon einmal von einem Anbieter enttäuscht wurden.
Was dagegen fehlte: Preis, Umfang, Referenz. Es gibt nur den nächsten Schritt, meist ein einziges Wort. Antworten Sie mit JA. Antworten Sie mit INTERESSIERT.
Das ist kein Zufall, sondern der eigentliche Zweck. Die erste Mail will nicht deinen Auftrag, sie will deine Antwort. Ein Ja kostet nichts und verrät alles: Die Adresse wird gelesen, die Empfängerin ist ansprechbar. Erst danach kostet dich jemand Zeit.
„Google den Absender kurz“ reicht auch nicht mehr
Zu diesen Ansprachen gehört meist ein Auftritt, aufgebaut auf einem kostenlosen Baukasten. Genau so viel, dass eine schnelle Suche beruhigt, und keine Zeile mehr.
Bei einem Anbieter, dessen Spur sich über mehrere Monate und drei Sprachen verfolgen ließ, waren beide Webadressen wenige Wochen später tot. Von der einen existiert nicht einmal ein Abbild im Internet-Archiv. Wer den Beleg erst sucht, wenn er ihn braucht, hat keinen mehr.
Die eine Regel, die bleibt
Verifiziere nie in der Mail, in der gefragt wird. Behauptet jemand, für ein Medium, ein Festival oder eine Plattform zu arbeiten: nicht antworten, nicht klicken. Stattdessen unabhängig die offizielle Seite aufrufen, dort den Kontakt suchen und über diesen Weg fragen, ob Person und Anfrage echt sind.
Was keine Website beantwortet, sind ohnehin drei andere Fragen: Wer haftet, wohin fließt das Geld, welches Gericht ist bei Streit zuständig.
Und ein Merkmal, das du dir merken kannst
Bezahlt werden soll fast nie die Person, die dir geschrieben hat, sondern ein Dritter, der mit dem Vertragspartner nichts zu tun hat. Ein Assistent, ein Zahlungsabwickler, ein Finanzsekretär. Wenn du ein einziges Merkmal mitnimmst, dann dieses.
Ich sage bewusst nicht, dass dir jemand dein Buch stiehlt. Dafür kenne ich keinen belastbaren Fall, und auch das Register, das diese Fälle seit Jahren sammelt, kennt keinen. Belegt ist der Geldweg, nicht der Diebstahl.
Eine Klarstellung muss außerdem sein: Eine Bitte um ein digitales Rezensionsexemplar ist völlig normal. Blogs und Redaktionen fragen genau so. Zum Warnzeichen wird sie erst in Kombination mit unverlangter Ansprache, erkennbar erzeugtem Lob und einer Absenderin, die sich nicht überprüfen lässt. Eine echte Presseanfrage nennt Medium und Rubrik, kommt von einer Redaktionsadresse und fragt nach dem, was Redaktionen brauchen: Waschzettel, Cover in Druckauflösung, Termin. Sie schreibt keine zwei Seiten Lob.
Bekommst du gerade auch solche Mails? Ich sammle die Muster weiter. Schick mir deine, das Freitextfeld am Ende des Fragebogens ist genau dafür da.
Ich baue das hier beschriebene Werkzeug öffentlich. Warum, steht hier.